Fregattenkapitän Otto Kretschmer
Der gefährlichste Seemann seit Sir Francis Drake
 
Steckbrief
 
 
Ü U-Boot-Frontspange 1939
Ü U-Boot-Kriegsabzeichen in Gold mit Brillanten
Ü Fünfmalige Nennung im Wehrmachtsbericht
 
Ü Ritterkreuz    04.08.1940
Ü Eichenlaub  (006) 04.11.1940
Ü
Schwerter
(005)  26.12.1941
* 01.05.1912 in Heidau/Schlesien V 05.08.1998 in Straubing
 
   
Biographie
 
Im Jahre 1930 in die Kriegsmarine eingetreten, absolvierte Seekadett Kretschmer die Marineschule, mehrere Bordkommandos sowie die Torpedoschule, ehe er zum Leutnant zur See befördert wurde. 1936 war er II.WO auf U-35 unter dem späteren Ritterkreuzträger und BdU West Hans-Rudolf Rösing. Nach seiner Beförderung zum Oberleutnant zur See übernahm Kretschmer 1937 als Nachfolger von Korvettenkapitän Godt - späterer Konteradmiral und Chef der Operationsabteilung des BdU - U-23, mit dem er unmittelbar nach Kriegsbeginn in die Ostsee auslief. Seine beiden damaligen Wachoffiziere sollten später ebenfalls Karriere machen - I.WO Hans-Dietrich von Thiesenhausen erhielt 1942 als Kapitän von U-331 das Ritterkreuz und versenkte u.a. das britische 31.000-BRT-Schlachtschiff Barham. II.WO war Adalbert Schnee, der später als Kommandant von U-201 das 105. Eichenlaub erhalten und zuletzt U-2511 (Typ XXI) kommandieren sollte. Beide überlebten den Krieg. Am 4. Oktober 1939 konnte Otto Kretschmer mit dem kleinen Frachter Glen Farg (870 BRT) seinen ersten Erfolg verbuchen, bis Ende des Jahres folgten noch zwei weitere Schiffe mit 5.400 BRT. Im Februar konnte Kretschmer ausserdem den britischen Zerstörer Daring (1.400 BRT) torpedieren. Mit der Übernahme des atlantiktauglichen U-Bootes U-99 (VIIB) begann Kretschmers steile Karriere, zu dieser Zeit trug er bereits beide Klassen des Eisernen Kreuzes.
Ab April 1940 lief Oberleutnant z.S. Kretschmer zusammen mit seiner erstklassigen Besatzung wiederholt auf Feindfahrt in den Nord- und Mittelatlantik aus. Und er war gleich im ganz großen Stil erfolgreich - nicht weniger als 11 alliierte Handelsschiffe und Tanker sanken alleine während der ersten Feindfahrt! Kretschmer war als echter "Scharfschütze" bekannt - seine Torpedos trafen aus jeder Abschusslage stets genau mittschiffs. Ende Juli gelangen u.a. vier Erfolge gegen einen Konvoi im englischen Nordkanal, darunter die große Aukland Star mit 13.000 BRT. Nach einem solchen Erfolg hatte die Besatzung einmal eine 12stündige Wasserbombenverfolgung mit über 120 Detonationen zu überstehen.
Im August 1940 nahm Kretschmer an der Geleitzugsschlacht gegen HX-72 teil, wobei er die Strinda (11.000 BRT), Licerna (6.500 BRT) und Alexia (8.000 BRT) versenken konnte. In diesem erfolgreichen Monat erhielt Otto Kretschmer als erst 6. U-Boot-Offizier das Ritterkreuz verliehen. Bis Mai 1945 sollten insgesamt 145 Angehörige der U-Bootwaffe diese begehrte Tapferkeitsauszeichnung erhalten - 37 davon blieben auf See.
Aufgrund seiner hervorragenden Friedensausbildung, seinen als Drahtseilen gerühmten Nerven und seiner auf die Mannschaft übergehenden Ruhe gelang es Kretschmer immer wieder, sich an stark bewachte Geleitzüge heranzuschleichen, die Torpedos zielsicher abzufeuern und sich schnellstens aus dem Staub zu machen. Sein lakonischer Kommandostil brachte ihm bei seinen Männern hierbei den respektvollen Spitznamen "der ruhige Otto" ein.
Im Herbst 1940 griff U-99 wiederholt Geleitzüge an und versenkte so die Empire Miniver (6.055 BRT), Fiscus (4.800 BRT) und Clintonia (3.100 BRT). 
Während der berühmten Geleitzugsschlacht gegen SC-7, die unter dem Namen "die Nacht der langen Messer" in die Seekriegsgeschichte einging, versenkte U-99 in beispiellosen Angriffen in einer Nacht sechs britische Handelsschiffe, darunter die großen Hilfskreuzer Laurentic (18.800 BRT) und Patroclus (11.300 BRT).
Am 4. November 1940 erhielt Kretschmer für die Versenkung von 200.000 Bruttoregistertonnen als 6. Offizier und 2. U-Boot-Kommandant das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Einen Tag später stimmte der BdU einem Antrag Kretschmers zur Ritterkreuzverleihung an Stabsobersteuermann Heinrich Petersen zu, der während der letzten Feindfahrt als III.WO einen feindlichen Kriegsschiffverband entdeckt und rechtzeitig Alarm geschlagen hatte. Petersen blieb bis Kriegsende einer von nur neun Unteroffizieren der U-Bootwaffe, die derart hoch ausgezeichnet wurden. Kretschmers damaliger I.WO, Oberleutnant z.S. Klaus Bargsten, sollte diese Auszeichnung 1943 als Kommandant von U-521 erhalten.
Im Dezember gelang die Torpedierung des 16.400-BRT-Frachters Forfar. In wenigen Feindfahrten war der zum Kapitänleutnant beförderte Kretschmer zum erfolgreichsten deutschen U-Boot-Kommandanten geworden und war bereits viermal im Wehrmachtsbericht genannt worden. Er führte sein Boot in allen Aktionen äußerst überlegt und zeigte hervorragende taktische und seemännische Kenntnisse. Mit sicherem Auge verstand er es ausserdem immer die "fettesten" Brocken als Ziel auszuwählen.
Am 07.03.41 konnte Kretschmer das riesige, im Geleitzug OB-293 fahrende, umgebaute Walfangmutterschiff Terje Viken (20.600 BRT) torpedieren.
Ab 16.03. attackierte er zusammen mit anderen U-Booten unter Anwendung der Rudeltaktik den alliierten Großkonvoi HX-112 (41 Handelsschiffe und etwa 9 Sicherungsfahrzeuge). In den ersten Anläufen konnte U-99 durch hochpräzise und eingespielte Angriffe drei Tanker und zwei Dampfer versenken. Doch beim letzten Angriff wurde das aufgetaucht fahrende Boot durch die mit Asdic-Radarortung ausgerüsteten britischen Zerstörer Vanoc und Walker entdeckt und unter Beschuss genommen. Die beiden Schiffe gehörten bei Kriegsende zur erfolgreichsten U-Jagdgruppe der Royal Navy.
Durch das brandneue Ortungssystem überrascht, war Kapitänleutnant Kretschmer nicht mehr in der Lage, dem spät erkannten Angriff auszuweichen, U-99 wurde in voller Fahrt von einem Zerstörer gerammt und schwerst beschädigt! Kretschmer gab seiner Mannschaft den Befehl, das Boot aufzugeben und von Bord zu gehen. Währenddessen bereitete er mit seinem L.I. die Selbstversenkung von U-99 vor. Dieser Schritt war notwendig, um die wertvollen Geheimunterlagen (Karten, Logbücher, Codebücher u.ä.) nicht in Feindeshand fallen zu lassen.
Zusammen mit dem Großteil seiner Besatzung, darunter auch ein neu an Bord gekommener Kommandanten-Schüler im Range eines Kapitänleutnants, wurde Otto Kretschmer von den Engländern gerettet und in ein Kriegsgefangenenlager nach England, später Kanada, gebracht. Der letzte beim BdU eingegangene, noch hastig abgesetzte Funkspruch lautete: "Zwei Zerstörer - Wasserbomben - 53.000 BRT - Gefangen - gez. Kretschmer"
Obwohl so bereits 1941 "aus dem Verkehr" gezogen, blieben die von Kretschmer versenkten 44 Schiffe mit 277.000 BRT und ein Zerstörer (auf 16 Feindfahrten) bis Kriegsende ungeschlagen. Kretschmers letztes Opfer war der 7.400-BRT-Frachter J.B. White gewesen.
Im selben Monat wie U-99 gingen auch die erfolgreichen Boote U-47 unter Günther Prien und U-100 unter Joachim Schebke im Kampf gegen Geleitzüge verloren. Beide waren mit dem Eichenlaub ausgezeichnet worden und hatten zusammen mit Kretschmer die Elite der deutschen U-Boot-Waffe gebildet. Das Entsetzen der Marineleitung, innerhalb weniger Tage alle drei Top-Kommandanten verloren zu haben, war natürlich unbeschreiblich.
Während Kretschmer bereits in Kanada inhaftiert war, erhielt er nachträglich die Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub verliehen. Die hohe Auszeichnung wurde ihm wenig später durch einen Vertreter des Schweizer Roten Kreuzes ins Gefangenenlager überbracht. Während seiner Gefangenschaft ließ Otto Kretschmer dem BdU durch verschlüsselte Stellen in seinen privaten Briefen nach Hause Erkenntnisse und wichtige Meldungen von gerade eingetroffenen Mitgefangenen zukommen (z.B. neuen Taktiken des Gegners, Verlustgründe).
In Kriegsgefangenschaft wurde das U-Boot-As zum Korvetten- und später auch noch zum Fregattenkapitän befördert. Ende 1947 konnte der "ruhige Otto" schließlich nach Deutschland zurückkehren. Später trat er wieder in die Bundesmarine ein und wurde 1958 Admiralstabsoffizier beim Flottenkommando. Zwischen 1959 und 1962 dann Kommandeur der Amphibischen Streitkräfte, wechselte Flottillenadmiral Kretschmer später in den Kommandostab der NATO. Neuer Kommandeur der Amphibischen Streitkräfte wurde Erich Topp, der während des Krieges ebenfalls die Schwerter erhalten hatte. Ferner war Kretschmer auch einige Zeit Präsident des Deutschen Marinebundes. Im September 1970 schied er nach einer farbigen und erfolgreichen Karriere aus dem Dienst aus.
In Folge war Kretschmer lange Zeit Abteilungsleiter im Amt für Wehrkunde sowie wertvoller Berater für die deutsche Werftindustrie. Er verstarb im Sommer 1998 während einer Urlaubsreise an den Folgen eines schweren Sturzes, wobei er testamentarisch militärische Ehrungen durch die Bundeswehr verbot, sondern die Einäscherung und anschließende Seebestattung in der Nordsee vorzog.

Quelle: „Mit Eichenlaub und Schwertern“ von Florian Berger, ritterkreuz.at