Hauptmann Ernst Grunau
Vom Nachschuboffizier zum Kurland-Kämpfer
 
Steckbrief
 
Ü Nahkampfspange in Bronze 01.12.1944
Ü Nahkampfspange in Silber übersprungen
Ü Nahkampfspange in Gold 09.02.1945
Ü Ritterkreuz 04.10.1944
     
Ü zuletzt zumindest 40 Nahkampftage
Ü Panzerkampfabzeichen in Bronze
Ü Deutsches Kreuz in Gold
Ü Zwei Panzervernichtungsabzeichen für Einzelkämpfer
Ü Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse mit Schwertern
Ü Verwundetenabzeichen in Gold
* 28.09.1919 in Rüstingen-Wilhelmshaven/Niedersachsen V 08.07.1989 in Travemünde/Schleswig-Holstein
 
   
Biographie
 

Der Nachschub war zu jeder Zeit für jede Streitmacht der Welt ein entscheidender Faktor. Besonders im schnellen Bewegungskrieg des Zweiten Weltkrieges sowie den riesigen Materialschlachten war es von großer Bedeutung, genug Munition, Verpflegung, Ersatzteile, Treibstoff und schweres Material an Ort und Stelle zu haben und zwar egal wo die Truppe stand, wo sie noch zwei Tage zuvor gestanden hatte und wie die Frontlage war. Man sagt, dass hinter jedem kämpfenden Soldaten an der Front zumindest ein Angehöriger der Nachschubverbände im Hinterland sowie zwei weitere Arbeitskräfte für die Transportlogistik standen. Über diese Helden im Hintergrund liest man nichts in den Geschichtsbüchern – Ernst Grunau wurde auch nur durch seine überragenden Leistungen im Kampfeinsatz zur Ausnahme. Sein Werdgang ist einzigartig.

Am 28. September 1919 in einem kleinen Vorort von Wilhelmshaven geboren, wurde schon in seiner Jugendzeit ein großes Talent und Interesse an Motoren, Fahrzeugen und Technik offensichtlich. Sein Vater arbeitete als Bootsbauer und nahm den Sohn oft mit. So wunderte es auch niemanden, dass Ernst Grunau nach seinem Eintritt in die Kraftfahr-Abteilung 10 des Transportregiments 602 in Hamburg bald einer der besten Mechaniker des Fuhrparks war. Während den Kämpfen in Polen sowie den schnellen Offensiven in Frankreich und Belgien zeichnete sich Unteroffizier (01.05.40) Grunau als technischer Gruppenführer in der 3. Kompanie aus. Seine LKWs versorgten die Frontruppe besonders mit Infanterie- und Artilleriemunition, aber auch mit Verpflegung, Sanitäts- und Baumaterial. Ziel waren verschiedene Divisionen, aber auch rückwärtige Dienste und Stäbe. 1941, nach erfolgreichem Einsatz während des Balkanfeldzuges, besuchte Grunau einen Lehrgang für berittene Nachschubverbände sowie Logistik an der Fahrtruppenschule Hannover. Im Sommer 1941 ließ sich die Wehrmacht jedoch auf einen Gegner ein, dessen Heimat den deutschen Nachschub auf eine schier unlösbare Probe stellen sollte. Am 22. Juni marschierten drei Heeresgruppen in der Sowjetunion ein.
Die Nachschubsituation im Osten, darunter hatte auch Grunaus Transportregiment zu leiden, war aus vielen Gründen schwierig. In den ersten Kriegsmonaten stießen die siegreichen Panzerdivisionen mit der Infanterie im Schlepptau tausende Kilometer weit vor. Obwohl hierbei darauf geachtet wurde, wenn möglich Bahnhöfe, Brücken und Straßen für den nachfolgenden Nachschub intakt und somit nutzbar zu lassen, war schon alleine die weite Strecke bis zur Fronttruppe ein Problem. Ein weiters schwerwiegendes Problem, welches bei der Planung des Ostfeldzuges unterschätzt worden wurde, war die Tatsache, dass in der Sowjetunion andere Abmessungen für Bahngleise in Verwendung waren, d.h. die deutsche Spurbreite unterschied sich von der russischen. So mussten entweder ganze Bahnlinien neu gebaut oder alle Nachschubgüter an der ehemaligen Grenze von Waggons auf der deutschen Seite auf Waggons auf der russischen Seite umgeladen werden.
Auch die Partisanen plagten die Nachschubtruppe. Gut organisiert und zu großen Risiken bereit, sprengten diese Freischärler im Laufe des Krieges abertausende Bahngleise, brachten täglich Munitionszüge oder Truppentransporter zum Entgleisen oder überfielen schlecht bewachte Nachschubbasen und Materiallager. Aber als ob das noch nicht schlimm genug gewesen wäre, war da noch das gefürchtete russische Wetter. Versanken die LKWs und Nachschub-Fahrzeuge im Sommer und Herbst im Schlamm, machte wenig später „General Winter“ viele Anstrengungen zu Nichte. Mit zunehmender Dauer des Krieges wurde zumindest das Problem der langen Nachschubwege „besser“, denn jeder Rückzug brachte die Front näher an den Ursprung des Materialnachschubs in Deutschland. Jede Niederlage an der Front, jeder überhastete Rückzug, jeder Durchbruch des Gegners kostete aber immer schweres Material, Personal bei den überrannten Nachschubeinheiten oder ganze Materiallager, die gesprengt werden mussten oder in Feindeshand fielen.

Feldwebel (01.12.41) Ernst Grunau führte nach der Winterschlacht 1941/42 bereits einen Zug seines Bataillons und erhielt für mehrere persönliche Nachschubfahrten unter Feindbeschuss im Oktober 1941 das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Da er sich auch in den schwierigen Winterschlachten nicht scheute, teils mit der Waffe in der Hand Wege zu Infanteriekompanien zu finden, um wichtige Munition abzuliefern und auf dem Rückweg Schwerverwundete raus zu bringen, ließ auch das EK.I (Januar 1942) nicht lange auf sich warten. Im Sommer 1942 wurde Grunau erstmals selbst verwundet.
Nach Entlassung aus dem Lazarett aufgrund seiner Leistungen zur Offiziersausbildung kommandiert, lernte Grunau an der Fahrtruppenschule Hannover alles über militärischen Nachschub, die Bedeutung von motorisierten Nachschubverbänden im Bewegungskrieg, sowie über die Führung und Logistik dieser Truppe. Nach einem Kompanieführer-Lehrgang erreichte Leutnant (01.12.42) Grunau im Sommer 1943 die Nachschubstaffel der 14. Panzerdivision. Diese zuvor in Stalingrad vernichtete Division wurde in Frankreich neu aufgestellt und kam im September erneut nach Russland, wo der Offizier durch Splitter abermals verwundet wurde.
Als Chef von Nachschub-Kompanien erlebte Grunau Schlachten bei Kirowograd und Nowogoradke, verlor beim Ausbruch aus dem Kessel von Lelowka fast alle seine LKWs, konnte jedoch auch im Januar 1944 bei Tscherkassy „seine“ Fronttruppe optimal versorgen. Nach Einsatz der Division in Besserarbien mit dem Zug nach Norden verlegt, wurden die Panzer unter dem charismatischen Kommandeur Oberst Mummert bei Schaulen an die brennende Front geworfen. Der erfahrene Eichenlaubträger verlangte seiner Truppe alles ab.
Als während den Gefechten bei Schaulen ein russisches Panzerbataillon die Flanke der Division umging und plötzlich die rückwärtigen Stellungen erreichte, trat Ernst Grunau mit seinem Personal tapfer zum Nahkampf an, ehe ein Alarmzug der Panzergrenadiere die Lage bereinigte. Grunau erhielt nach diesen Gefechten das Panzerkampfabzeichen in Bronze.
Inzwischen Oberleutnant (01.07.44), wurde Grunau aufgrund seiner Erfahrung, offiziell und wenn nötig „inoffiziell“ den dringend benötigten Nachschub zu beschaffen, als Ib in den Divisionsstab berufen und besonders auf die Versorgung mit Treibstoff angesetzt. „Ohne Benzin keine rollenden Panzer, ohne rollende Panzer kein taktischer Wert der Division“ so die einfache Gleichung im Bewegungskrieg. Als die 14. PD sich zurückziehen musste und in den Kessel von Kurland geriet, wurde die Nachschubsituation immer bedrohlicher. Zeitweise überraschend gut aus der Luft und über See versorgt, waren die Abwehrschlachten dermaßen heftig und verlustreich, dass jeder erfahrene Offizier an der Front gebraucht wurde. So übernahm Oberleutnant Grunau im September 1944 bei Preeklun-Skuodas erstmals eine Kompanie des so genannten Divisions-Begleit-Bataillons.
Nur wenig später, am 19.09., lag die Division einmal mehr in schweren Gefechten, als bei Kekeva, unweit der Düna, eine russische Panzerkompanie durchbrach und die Front der Panzergrenadiere aufriss. Die einzig verfügbare Reserve, zwei MG- und eine Panzerjäger-Gruppe mit zusammen 10 Mann unter Führung von Ernst Grunau, wurde sofort in Marsch gesetzt und bezog nahe Kekeva Stellung, wenige hundert Meter von der von den Russen eroberten Düna-Brücke entfernt. Ein erster russischer Panzervorstoß aus dem Dorf wurde abgeschlagen. Grunaus Männer schossen aus guter Deckung die begleitende russische Infanterie von den Panzern, traten zum kühnen Gegenangriff an und vernichteten insgesamt vier Panzer, einen der T-34 schoss der Oberleutnant mit einer Panzerfaust ab. Beim Versuch, am letzten verbliebenen Panzer eine Haftmine anzubringen, wurde Grunau verwundet. Nichtsdestotrotz und obwohl keine neue Verstärkung für die kleine Schar eingetroffen war, führte Grunau seine Landser nun zum Gegenangriff und trieb die verbliebene russische Infanterie mit MGs und Panzerfäusten aus Kekeva hinaus. Als nun endlich zwei 2 cm-Selbstfahrlafetten der Divisions-Flak eintrafen, stieß der einstige Nachschuboffizier sogar selbständig über die Brücke vor, säuberte das andere Ufer von MG-Nestern und Infanterie und stellte so für eine Zeit sogar die alte Frontlinie wieder her. Hierfür erhielt Ernst Grunau am 4. Oktober 1944 das Ritterkreuz verliehen.
In den folgenden drei Abwehrschlachten in Kurland wuchs der Niedersachse über sich hinaus und verblüffte so manchen altgedienten Grenadieroffizier. Tagtäglich im Abwehr- und Grabenkampf stehend, hielt seine Kompanie immer wieder feindliche Schützenkompanien mit Panzerunterstützung auf, stand Trommelfell zerreißendes Artilleriefeuer durch und vernichtete T-34 und schwere „Josef Stalin“-Panzer im Nahkampf. Grunau selbst wurde mehrmals verwundet, blieb jedoch immer bei der Truppe. Schon bald fand sich die Nahkampfspange in Bronze an seiner Uniformjacke und Grunau wurde, obwohl nur Oberleutnant, mit der Führung des I. Bataillons im Panzergrenadierregiment 108 betraut. Durch die hohen Verluste in den Abwehrkämpfen verfügte er jedoch nur noch über zwei Kompanien.
Als am 24. Januar 1945 die vierte Kurlandschlacht begann und erneut bei Preeklun der Ansatzpunkt der sowjetischen Stoßdivision zu sein schien, wurde Oberleutnant Grunau nach Vernichtung eines T-34 durch Panzerfaust beim Einschlag einer Panzergranate schwer verwundet. Am Verbandsplatz glaubte man gar nicht an eine Überlebenschance, hatte der vor Schmerzende ins Koma gefallene Offizier doch sein linkes Auge und die rechte Hand verloren sowie schwere Kopfwunden davongetragen. Eilig mit dem Flugzeug aus dem Kessel geflogen, sollte Grunau diese neunte Verwundung aber überstehen. Im Lazarett erreichte ihn nicht nur die Nachricht, dass er für seine überragenden Abwehrleistungen am 24. März auch noch das Deutsche Kreuz erhalten hatte, sondern dass er noch eine weitere Auszeichnung zu erwarten hätte. Für in wenigen Monaten gesammelte 40 Nahkampftage erhielt der Wilhelmshavener, nun Hauptmann (30.01.45), aufgrund der Sonderregelung für nicht mehr frontfähige Offiziere auch mit zehn Zählern zu wenig die Nahkampfspange in Gold verliehen, wobei er wohlgemerkt die zuvor nicht mehr verliehene Silberausführung übersprang.
Der somit sicherlich höchstdekorierte Soldat des Nachschubkorps der Wehrmacht konnte erst 1946 aus einem britischen Gefangenen-Lazarett entlassen werden. Trotz seiner 100%igen Kriegsversehrtheit ließ er den Kopf nicht hängen und gründete in Travemünde ein Ostsee-Heilbad mit Hotel, welches er bis zu seinem Tod erfolgreich führte. Außerdem in Veteranenorganisationen tätig, erhielt Hauptmann a.D. Grunau 1981 u.a. das Ehrenkreuz des Europäischen Frontkämpfer-Verbandes sowie das Bundesverdienstkreuz am Bande. Der in Krieg und Frieden bewährte Veteran verstarb am 8. Juli 1989.

Quelle: „Ritterkreuzträger mit Nahkampfspange in Gold“ von Florian Berger, ritterkreuz.at