Oberst Vladimir Bobrov
Der ignorierte Held
 
Steckbrief
 
 SOWJETISCHE LUFTWAFFE 43 Abschüsse
 
   
Biographie
 
Als 1936 ein Militärputsch unter General Franco das monarchistische Spanien in einen blutigen Bürgerkrieg stürzte, war jener Konflikt in aller Munde, den Europa nach dem Ende des Ersten Weltkrieges lange Zeit befürchtet hatte. Obwohl eine innerstaatliche Angelegenheit, beteiligten sich alle europäischen Großmächte indirekt an den Gefechten. Während Deutschland mit der berühmten „Legion Condor“ mehrere tausend „Freiwillige“ - in Wahrheit jedoch ausgesuchte Berufssoldaten mit umfassendem Gerät - nach Spanien entsandte, standen auf Seiten der Regierungstruppen tausende Söldner aus Europa im Einsatz. Unter den wenigen Ländern, die sich fast offiziell auf Seiten der Regierung an den Kämpfen beteiligte, gehörte Stalins Sowjetunion.
Als Gegenreaktion auf die Entsendung der „Legion Condor“ stellte Stalin – obwohl gegen die spanische Monarchie – ebenfalls ein „Freiwilligen“-Jagdfliegerregiment auf, welches auf Regierungsseite Einsätze flog. 1937 umfassten die russischen Verbände fast 140 Piloten.
Zu diesen zählte auch der junge Oberleutnant Vladimir Bobrov. Ausgerüstet mit Doppeldeckern vom Typ I-15, sicherten die Roten Jäger den Regierungstruppen die Luftüberlegenheit, Bobrov erzielte bereits erste Luftsiege und wurde schon bald zum Eskadronführer ernannt. Die Überlegenheit der sowjetischen Piloten endete erst im Winter 1937, denn nun setzte die „Legion Condor“ die neuen Messerschmitt Bf 109 (720 km/h, bis zu vier Maschinenkanonen) ein und brachte innerhalb weniger Monate die Luftherrschaft fast völlig in ihre Gewalt. An der Spitze der deutschen Jagdflieger stand niemand Geringerer als der damalige Oberleutnant Werner Mölders - während des Zweiten Weltkrieges lange Zeit deutsches Top-Ass, Träger höchster Auszeichnungen und zuletzt sogar Inspekteur des Jagdfliegerkorps. Er erzielte über Spanien in 126 Einsätzen 14 seiner letztendlich 115 Luftsiege und kam Ende 1941 als Oberst bei einem Flugunfall ums Leben.
Oberleutnant Bobrov überstand die schweren Verluste im Sommer 1938 und kehrte mit 13 anerkannten Siegen als zweiterfolgreichster Flieger der Roten Spanienjäger in die Sowjetunion zurück.
Aufgrund seiner großen Erfahrung hier ein sehr geschätzter Luftkampf- und Taktikausbilder, hatte er bei Kriegsausbruch 1941 den Posten eines Staffelführers im 27. Jägerregiment inne. Schon in einem seiner ersten Luftkämpfe gegen die ihm altbekannten deutschen Gegner erzielte der Veteran am 22.06.41 seinen ersten Sieg im Zweiten Weltkrieg. Die nächsten Monate versuchte der Hauptmann verzweifelt, so viel seiner wertvollen Kampferfahrung wie möglich an seine Untergebenen weiterzugeben, denn diese waren erfahrenen deutschen Jagdfliegern massiv unterlegen. 1942 erzielte Bobrov ein Dutzend Luftsiege und blieb einer der erfolgreichsten Fliegerasse.
Im Frühjahr 1943 übernahm ein zum Major aufgestiegener Bobrov die Führung des Regiments, welches inzwischen zum 129. Garde-Jägerregiment erhoben worden war. Mit amerikanischen P-39Airacobras ausgerüstet, waren die Piloten ihren Gegnern nun fast ebenbürtig und wurden durch große Erfolge schnell zu einer erfolgreichen Einheit. Daran maßgeblich beteiligt war Vladimir Bobrov, der nicht nur immer wieder durch taktische Übersicht, sondern auch durch hervorragende Führungseigenschaften überzeugte.
Trotz dieser Erfolge und immer wieder großen Leistungen im Luftkampf wurden Verleihungsanträge für den „Held der Sowjetunion“ an den Regimentskommandeur durch dessen vorgesetzte Dienststellen abgelehnt oder einfach „verlegt“. Die Gründe hierfür sind umstritten, jedoch mit Sicherheit in politischen Schwierigkeiten Bobrovs mit hohen Parteifunktionären oder Dienststellen zu suchen.
Eine vereinzelt publizierte Geschichte über eine Begebenheit aus dem Jahr 1942 ist vielleicht so abgelaufen, war jedoch wohl nicht für den Bannstrahl gegenüber dem späteren Oberst verantwortlich. Demnach hätte sich eines Nachts eine kleine Gruppe von Piloten - angeführt durch den damaligen Hauptmann Bobrov - aus dem Stützpunkt geschlichen, um in aller Frühe an einem nahen Fluss Eisfischen zu gehen. Mit Sicherheit war in Folge auch etwas Alkohol im Spiel und als durch einen Unfall einer der Piloten ins eiskalte Wasser stürzte und den Tod fand, hatte der Vorfall ein Disziplinarverfahren für alle Beteiligten sowie den verantwortlichen Regimentskommandeur zur Folge. Und dieser, so die Berichte, war einer der Söhne des sowjetischen Diktators Josef Stalin, welcher Bobrov nunmehr auf seine schwarze Liste setzte. Die Geschichte ist aber wie gesagt unbestätigt.
Was nun der wirkliche Grund war - ein Bannstrahl verfolgte Vladimir Bobrov seine gesamte Karriere.
Obwohl nun schon Mitte Dreißig und Oberstleutnant, flog Bobrov jeden Tag aufs neue an der Spitze seiner Staffeln, überstand die Schlachten über Moskau, Kalinin, Stalingrad und Poltawa, führte seine Gardejäger in einer großen Siegesserie durch die Schlacht von Kursk (55 Staffel-Siege in 14 Tagen) und wurde mit bald 30 Luftsiegen zu einem der besten Jagdflieger der Roten Luftwaffe. Aber immer noch kein Goldener Stern - der letzte Vorschlag dazu wurde von niemand geringerem abgelehnt, als vom Oberbefehlshaber der Roten Luftwaffe persönlich.
Im Frühjahr 1944 versuchten seine unsichtbaren Gegner Bobrovs Karriere endgültig ein Ende zu machen; sie setzten die vielleicht beste Führungspersönlichkeit der Luftwaffe als Regimentskommandeur ab. Wochenlang wartete Bobrov untätig auf eine neue Aufgabe. Erst der große Alexandr Pokryshkin, seines Zeichens einer der bekanntesten Jagdflieger und inzwischen Divisionskommandeur, brach die Mauer des Schweigens, ließ sich von niemanden abschrecken und holte Bobrov eigenmächtig in seine Division.
Als Kommandeur des 104. Garde-Jägerregiments flog Bobrov 1944/45 letzte Einsätze über Rumänien, Ungarn, Ostdeutschland und der Tschechei und holte in seinem 112. Luftkampf mit einer Focke-Wulf 190 seinen 43. Gegner vom Himmel.
Mit 24 anteiligen Luftsiegen, d.h. eine abgeschossene Feindmaschine war von Bobrov und einem weiteren Piloten beschossen worden und wurde deshalb keinem alleine zugeschrieben, war der Oberst einer der diesbezüglich auffälligsten Piloten. Die hohe Zahl solcher Erfolge zeugt von großem Teamgeist und Zurückstellung persönlicher Erfolge. Am 18. April konnte der Regimentskommandeur während eines Tiefangriffes auf einen Fliegerhorst nahe Prag mit zwei Bodensiegen über Me 262 Düsenjäger einen besonderen Erfolg verbuchen. Obwohl mit seinen 43 Siegen (inklusive Spanien) einer der besten Jagdflieger des Krieges, konnten sich Stalin und seine Partei auch jetzt nicht zu einer versöhnlichen Geste in Form der verdienten Auszeichnung überwinden und so war der Oberst auch einer der ganz wenigen Kriegshelden der Roten Luftwaffe, die nicht im aktiven Dienst verblieben, sondern enttäuscht abmusterten.
Im Zivilleben nahm Bobrov einen Lektorposten an einer Technischen Universität an. Im März 1991, fast fünf Jahrzehnte nach Kriegsende und 20 Jahre nach Bobrovs Tod, erhielt dieser große Held und Vorzeigekommandeur von Boris Jelzin den Goldenen Stern eines „Helden der GUS“ verliehen. Gerechtigkeit braucht eben Zeit.

Quelle: „Yak, Mustang und Spitfire“ von Florian Berger, fliegerasse.at